Das Wundermittel finden

Wie schafft es das Designstudio Stranger & Stranger, dass bei dem harten Wettbewerb unter den Produkten ein 10 cm großes Etikett auf einer Wein-oder Spirituosenflasche heraussticht?

Von Sarah Snaith

Das Designstudio Stranger & Stranger – mit Büros in London, New York und San Francisco – ist ein Vorreiter im Verpackungs- und Etikettendesign für Alkoholmarken weltweit.

Seine Auftraggeberliste umfasst große Hersteller, wie Martini, den Tequila Jose Cuervo, Jack Daniel’s Tennessee Rye und The Kraken Black Spiced Rum, sowie weniger bekannte Namen, wie den isländischen Wodka Reyka, den Spicebox Canadian Spiced Whisky und die Weinkellerei Paperboy.

Das Motto des Studios – „Don’t fit in. Stand out.“ (Passe dich nicht an. Stich heraus.) – wird bei den Grafiklösungen offensichtlich, zu denen auch Prägung, Folierung und Stanzen gehören. Die Arbeit für Auftraggeber wie den Scotch-Whisky-Hersteller Dewar zeigt, dass das Herausstechen je nach Kundenkreis verschiedene Formen annehmen kann.

Für die globale Modernisierung von Dewar wurde dessen Archiv in Schottland genutzt und die neuen Präsentationsboxen, Etiketten, Flaschenformen und une individuelle Schriftart, alles Referenzen für die Expertise des Unternehmens. Stranger & Stranger ist sich der Zielkonsumenten des Produktes und der potenziellen langen Lebensdauer absolut bewusst, die eine Flasche wie der 30 Jahre alte Ne Plus Ultra von Dewar – gedruckt auf dem hochwertigen Zellulosepapier Manter Savile Row Tweed Dark Grey – zuhause erreichen kann.


Der Gründer von Stranger & Stranger, Kevin Shaw, und der Geschäftsführer der Gruppe, Ivan Bell, sagen: „Um eine großartige Verpackung für Alkohol zu kreieren, müssen Sie Ihren Auftraggeber in- und auswendig kennen, Sie müssen wissen, wie deren Welt aussieht und was diese ins Wanken bringt, Sie müssen wissen, wann die Auftraggeber einkaufen, wie sie einkaufen und was sie heutzutage kaufen. Und dann müssen Sie das Wundermittel finden, das dem Auftraggeber unter allen anderen Flaschen im Regal sofort auffällt …und die Wettbewerber schlecht aussehen lässt.“

Das taktile Erlebnis ist auch von äußerster Bedeutung. Bezaubernde Wellen und Verwirbelungen dominieren die filigrane Glasflasche für Maison Ferrand Sélection des Anges Cognac, und himmlische Engelchen fördern diesen Reiz. Das preisgekrönte Design von Compass Box No Name sieht etwas irdischer aus, mit geprägten Rauchverwirbelungen, die aus einem Tempel aufziehen und sowohl auf der hübschen schwarzen Kartonverpackung als auch dem Etikett erscheinen, eine Anspielung auf die Alchemie und die magische Mischung der Zutaten. „Fühlbarkeit ist bei unserer laufenden Partnerschaft mit Compass Box ersichtlich“, sagen Shaw and Bell. „Wir haben für die Marke im letzten Jahrzehnt ein Portfolio von großer Erzählkunst aufgebaut, mit ihrer Handschrift. Das Kernelement dieser Packung ist das speziell ausgewählte Papier, das starke Reliefprägung und Blindprägung mit perfekter Druckfarben- und Folienanwendung ermöglicht. Die Auswahl des Etikettenpapiers und der Papiersorte ist für uns bei allen Etikettenprojekten, die wir für unsere Kunden übernehmen, von größter Wichtigkeit, um unser Marken-Storytelling zu ergänzen.“

Stranger & Stranger sucht sorgfältig nach Lösungen, die die einzigartigen Merkmale einer Marke und ihre Produktvielfalt hervorhebt. Für die Whiskeys von Redwood Empire bedeutete dies, den Philosophen und Naturalisten John Muir (einen großen Verfechter von Küstenmammutbäumen) in vielen Formen abzubilden – in Holzschnitt-Druck, in einfarbigen Illustrationen. Im Gegensatz dazu lag die harte Arbeit beim Aperitif Italicus Rosolio di Bergamotto im Design der Flaschen, das auf die Innovationen im Glashandwerk in der Mitte der 1920er Jahre zurückgreift, im Zuge derer die automatisierte Flaschenproduktion begonnen hatte. Diese handgefertigten Flaschen haben oft ein zweites Leben: „Wir haben viele Riesenerfolge“, sagen Shaw und Bell, „aber wir sehen erst dann einen wirklichen Erfolg in der Marke, wenn Menschen beginnen, die Flaschen in Lampen umzufunktionieren, oder sich von der Marke ein Tattoo stechen lassen.

The Kraken (die Krake) wurde bei vielen Menschen tätowiert und davon wurde auch ein ganzes Sortiment produziert– inklusive einem Duschvorhang und einer Lampe.“

Zusätzlich zu den Auftragsarbeiten fertigt das Studio jedes Jahr für Weihnachten Produkte in begrenzter Auflage als Kundengeschenke an. Interessanterweise unterscheiden sich diese selbstinitiierten Projekte wie die Magenbitter Absinthe no. 12, Spirit no. 13 und Bitter & Twisted nicht groß in Einstellung und Anspruch, was auf den Respekt hinweist, den sie von ihren Kunden in den 25 Jahren an Dienstleistung in „einem der schwierigsten Märkte überhaupt“ erlangt haben.

Shaw und Bell behaupten, dass es bei Alkohol für Verbraucher selten die Gelegenheit für „eine heimliche Kostprobe“ vor dem Kauf gibt und dass die Flaschen zuweilen mit nicht weniger als 1000 anderen im Wettbewerb stehen. Jeder Weinbauer „verspricht die gleiche reiche fruchtige Ergänzung zu Ihrem Fleischgericht“, und die Verbraucher „bilden sich ihre Meinung über den Inhalt, einzig auf Basis von dem zehn Zentimeter großen Stück Papier. Stellen Sie sich vor, alle Bücher und Magazine in den Buchhandlungen hätten die gleiche Übersicht auf der Rückseite und Sie dürften nicht ins Innere schauen.“

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